Der einzige wirkliche Heilungsweg
Die Ich-Illusion ist die Wurzel aller Krankheiten und Konflikte
Ich-Illusion, das ist die Vorstellung, ein vom Ganzen getrenntes Wesen zu sein. Diese Vorstellung ist bereits Ursprung und Ursache aller weiteren Konflikte und Schwierigkeiten. Das heutige Weltbild der modernen Wissenschaften (und ebenso die gängigen kirchlichen Weltsichten) bestätigt und untermauert im Menschen die Identifikation nicht nur mit seinem Körper, sondern vor allem mit seiner sogenannten "Persönlichkeit". Bei dieser Persönlichkeit handelt es sich um eine künstliche, mental vor allem durch Selbstbeschäftigung und kritisch-mißtrauische Abgrenzung von der Umwelt ständig von neuem erschaffene Wesenheit. (Denn bereits in jeder Sekunde, in der der innere Monolog, den jeder Mensch mit sich selbst führt, stoppt, bricht dieses Konstrukt schon in sich zusammen — weshalb es durch zwanghafte Selbstbeschäftigungen, Ablenkungen und andauernde Grübeleien über "sich" (das Ich) und die eigene Bedeutung sowie über Beziehungen zu anderen "Ichs" immer von neuem erschaffen und bestätigt werden muß.)
Untaugliche Lösungsversuche
Die Hauptkrankheit des Ich kann nicht von Psychologen, Psychotherapeuten, Erfolgstrainern und auch nicht mehr von Vertretern der heutigen Kirchenreligionen kuriert werden, sondern nur von demjenigen, der im Leidenden Selbstgewahrwerdung und Einsicht in sein falsches Weltbild zu bewirken vermag. Natürlich muß der Suchende schon so sehr unter seinem inneren Konflikt leiden, daß er zur Wandlung und Umkehr auch bereit ist.
Was andere, alternative Lösungsangebote anbelangt: Durch Herumbasteln mit 'magischen Ritualen', Zeremonien, Geisterbeschwörungen oder anderen geistigen Vorstellungsbildern wird das Ich nicht wirklich angetastet, sondern nur vorübergehend besänftigt und beschwichtigt. Jeder Klärungsversuch, der das Problem nicht dort anpackt, wo es herkommt, bleibt auf lange Sicht nutzlos.
Am Ende ist der Therapierte genau da, wo er vorher war. Weil nämlich keine wirkliche Einsicht in das eigentliche Problem stattgefunden hat. Er ist vielleicht (wie es Psychotherapie und Kirchenreligionen bezwecken) imstande, nach außen hin seine gesellschaftliche Rolle wieder zu erfüllen, also wieder wie gewünscht zu funktionieren, aber die Krise, an der er litt, ist nicht in ihrer Tiefe bewältigt, nur übertüncht. Auch Trost, gute Worte, "Glauben" oder "positives Denken" helfen da nicht wirklich.
Der Lösungsweg
Mein Ansatz beruht aber ebensowenig auf konventionell-traditionellen schamanischen Methoden. Allein schon deshalb, weil ein Rückgriff in die Epoche der Voraufklärung und des magischen Zauberglaubens nicht zur heutigen Zeit paßt, sondern nur all diejenigen zu faszinieren vermag, die auf ihr Unbehagen schnell zu konsumierende (und aus anderen Kulturen eilfertig importierte) Antworten fordern. Das Problem muß hier im Westen, in unserer Kultur und Zivilisation, angegangen werden, und zwar mit zeitgemäßen Antworten, nicht mit Trommeln, indianischen Schwitzhütten und anderem Fassadenzauber.
Es geht hier um die Kunst, einen 'chirurgischen Eingriff' vorzunehmen, der das Falsche am Wesen eines Menschen, sein erstarrtes Ego, das ihn knebelt, erdrückt und schließlich sein ganzes Leben zu einer elenden Karikatur dessen werden läßt, was eigentlich aus ihm hätte werden können, zu trennen von seinem echten, authentischen Sein, mit dem er ursprünglich auf die Welt gekommen ist. Der übliche Stolz, die Eitelkeit, der Wichtigkeitsdünkel und die Selbstsucht, wodurch die meisten Menschen zerfressen und vergiftet sind, müssen reduziert, und das tiefere Potential, unsere angeborene Natürlichkeit, Freude, Lustbereitschaft und Zärtlichkeit müssen gestärkt und wieder ans Licht geholt werden.
Die Kunst des echten, authentischen Schamanen besteht darin, diesen Eingriff mit aller Vorsicht, aber gleichzeitig auch mit aller gebotenen Konsequenz vorzunehmen — und zwar auf die einzig richtige, dem jeweiligen behandelten Individuum gemäße Weise. Er ist dazu befähigt, weil er diesen Weg bereits selbst beschritten und in seinen Tiefen ausgelotet hat und weil er sein Leben lang mit dieser Aufgabe gerungen und sie bis ins kleinste studiert und erforscht hat.
Ego vs. Ganzheit
Noch etwas mehr zum Ego. Das Ego (die Vorstellung einer vom Ganzen unabhängigen, getrennt agierenden Existenz) ist wie gesagt das Hauptproblem und zugleich das Hauptmysterium der menschlichen Existenz; es ist auch das, was ihn unter allen natürlichen Wesen so schwierig, so leicht irrezuleiten, so kompliziert und gleichzeitig wieder so faszinierend und begabt dastehen läßt. Möglichkeiten und Fähigkeiten eines menschlichen Wesens sind eng verwachsen, vermischt und fast untrennbar verwoben mit Lügen und Selbstbetrug.
Die Situation eines derartigen Wesens ist: Wo sein Ich vorherrscht, flüchtet die Wahrheit. Wo sein Ich vorherrscht, verliert er den Kontakt zur Einheit und Ganzheit allen Seins. Das Ich kann nicht lieben; nur das Ganze kann lieben, weil nur durch Wiederverbindung mit dem Ganzen entdeckt werden kann, daß das Ganze und Liebe identisch sind.
Es geht hier also nicht um irgendein nettes und interessantes schamanisches Herumkurieren oder um irgendwelche "schamanistischen Praktiken", sondern um die Wiederentdeckung der wirklichen Religion; und mit Religion ist hier der ursprüngliche Wortsinn gemeint, nämlich re-ligio = "verbinde wieder" (mit dem Ganzen).
Echtes Heilen bedeutet, die Wurzel zu heilen, nämlich die Störung durch die Ich-Illusion aufzulösen. Damit wird auch die Wurzel aller Krankheiten und aller Irreführung und Schicksalsverstrickung geheilt.
Zugleich wird das eigentliche Potential, nämlich die in jedem angelegte natürliche Begabung und Schaffensfreude, entblockiert und kann sich von neuem entwickeln und verwirklichen.
Neue Entfaltung auch im gesellschaftlichen Umfeld
Mir ist völlig klar, daß eine anpasserische Gesellschaft, die von ihren Mitgliedern die Unterordnung unter ihre Erwartungen fordert, daran nicht interessiert ist. Deshalb wurden ja Schamanen auch jahrhundertelang ausgegrenzt und ausgemerzt, und deshalb sieht es in unserer Epoche mit dem Schamanentum so dunkel und traurig aus. Und doch werden solche Menschentypen immer wieder geboren und fühlen sich von ihrem Gewissen innerlich bedrängt und genötigt, ihrer Berufung zu folgen. Weil sie spüren, daß sie andernfalls nämlich ihr eigenes Leben verraten und wegwerfen müßten.
Das Emporstreben und Wirken-Müssen der Schamanen hat etwas Anarchisches, Unbedingtes und für konventionelle Menschen geradezu Gefährliches an sich. Es ist im Kern die Lebenskraft selbst, die sich hier immer wieder mit Macht ihre Bahn zu brechen versucht, und alle Mächte der Manipulation, Intrige, Beschränkung und der Tabus können sie nie wirklich eingrenzen und unterbinden.
Die Gesellschaft wird uns nicht an Heilung und Gesundung hindern; es geht darum, daß wir selbst bereit sind, diesen Weg mutig und entschlossen zu gehen. Es geht darum, das eigene Potential wiederzuentdecken, sich mit allen natürlichen Gaben und Fähigkeiten zu verwirklichen, und hierbei auch die eigene Rolle im Leben zu finden und zu gestalten, anstatt sich bloß benutzen und ausnutzen zu lassen. Hierzu ist es nötig, die falschen Prägungen loszuwerden, die einen Menschen zur Marionette äußerer Interessen und Erwartungen haben werden lassen.
Deshalb gehört zu meinem Ansatz nicht nur, dem Betreuten die Wiederentdeckung seines wahren Seins zu vermöglichen, sondern auch, ihn bei der Durchsetzung seiner natürlichen Kräfte und Fähigkeiten, beim Finden seiner ihm gemäßen Rolle zu unterstützen.
Startseite |
Zum Verständnis des Schamanentyps (Inhalt)
Copyright © 2006 Gerd-Lothar Reschke