Was ist Depression?

Depression ist der Versuch des Bewußtseins, den Kontakt zur Nachtseite wieder herzustellen — zugleich ist das Bestehen der Depression auch unmißverständliches Kennzeichen für sein Steckenbleiben auf diesem Weg. Der Depressive kann sich nicht ganz in die Dunkelheit fallen lassen; sein bewußtes Verstandesdenken versucht sich noch an der Tagseite festzuhalten und fürchtet, die dort ausgeübte Kontrolle gänzlich zu verlieren. Zugleich zieht ihn die Nachtseite seines Wesens unablässig zu sich. Hieraus erklärt sich auch, warum er so sehr leidet: weil er sich im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Polen seines Seins befindet.


Es gibt zahlreiche Behandlungsansätze, um Depression zu heilen — konventionelle und nichtkonventionelle. Leider wird von denen, die beratend oder helfend eingreifen wollen, oft nichts anderes beigetragen, als was ihrem eigenen Daseinsverständnis entspricht. Handelt es sich um den Typ des Machers (des vorwiegenden Verstandesmenschen der Tagseite), so wird das Schwergewicht oft auf Bekämpfung und Überwindung der Depression gelegt — auf die Ausmerzung einer als Defekt und Defizit verstandenen Erscheinung.

Für den Schamanen ist diese Sichtweise ausgeschlossen. Der gesamte, biologische und psychologische menschliche Organismus hat dieses Symptom ja schließlich selbst hervorgerufen. Man kann es also betrachten wie bei körperlichen Erkrankungen: Ist die Krankheit ein Makel, oder drückt sie den Versuch aus, eine verlorengegangene innere Balance, also einen grundsätzlich harmonischen Ausgleichszustand wiederzugewinnen? Auch hier gibt es ganzheitliche und schulmäßig-manipulierende Sichtweisen.

Mit der üblichen, in unserer naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation bevorzugten Vorgehensweise des eingreifend-hantierenden Korrigierenwollens kommt man diesem Problem nicht bei. Wer so denkt, bewegt sich bloß an der vereisten Oberfläche eines zugefrorenen Sees — während sich unter ihm die ganze Fülle der tieferen Beweggründe, Ahnungen und Sehnsüchte des Menschen befindet.

Die Frage ist also: Wohin versucht die Depression den Erkrankten zu führen? Was ist der tiefere Wunsch seines Herzens? Man muß verstehen und akzeptieren, daß hier eine Lebenskrise vorliegt, die alle gewohnten Wertvorstellungen zertrümmert und neu zu bewerten sucht.


Die alten Werte haben sich als falsch, als nicht mehr stabil erwiesen. Nun geschieht so etwas wie der Absturz ins schwarze Nichts. Für den Depressiven ist es, als gäbe es keine Hoffnung mehr. Das muß er so empfinden, denn er identifiziert sich noch mit seinem Verstand, der die Sache von der Tagesseite her zu betrachten gewohnt ist — und dort bricht alles zusammen. Die Lösung besteht darin, daß der Verstand seine Kontrolle hergibt und sich tieferen Schichten wie Gefühl und Instinkt überantwortet. Dann kann das Eis brechen (oder schmelzen) und der Kontakt zur Nachtseite wird wiederhergestellt.

Die Depression ist also eine tiefgreifende Übergangsphase; man könnte sie auch Persönlichkeitstransformation nennen. Das Ich selbst steht hier zur Disposition: Das erworbene Selbstbild des Betreffenden als der, den er kennt oder als den er sich selbst zu kennen meint. Bestehen z.B. sein Prägungen darin, sich als erfolgreichen Menschen zu definieren, dann können Erfahrungen, die ihm zeigen, daß er dieses Bild nicht mehr aufrechterhalten kann, zur Depression führen. Das Ich kennt sich als Handelnden, dahinter steckt Identifikation mit der Tagseite dessen, der alles noch im Griff zu haben meint. Nun ist er auf einmal genötigt, sich immer wieder als passives Opfer von Geschehnissen zu erleben — die Nachtseite beansprucht ihr Recht und droht, das alte Selbstbild mit seiner eingebildeten Kontrollmöglichkeit zu verschlingen.

Die Depression ist ein Tod unter Betäubung — ein kaschierter, abgeleugneter Tod. Der Depressive kann nicht sterben (er kann nachts nicht einmal einschlafen bzw. durchschlafen; was stellvertretend für Sterben stehen mag); er friert sich lieber ein und erstarrt in unbeweglicher Warteposition. Er kann nicht loslassen. Würde er loslassen können und sterben, dann würde ihn das Ganze der Einheit auffangen und bergen, so wie der Schlaf den Einschlafenden auffängt und in Seligkeit ruhen läßt, bis er sich wiedererneuert und erholt (von sich selbst und seinem Ich-Denken erholt) der Wiedergeburt seines Bewußtseins gegenübersieht. Das alles sind Vorgänge, die von sich aus passieren — die nicht gemacht, nicht unter Verstandeskontrolle praktiziert werden.


Der Schamane kennt diese Zusammenhänge aus eigener Erfahrung, denn zu seiner Arbeit gehört das Hin- und Herwechseln zwischen den Bewußtseinszuständen der Tagseite und der Nachtseite. Er kennt nüchterne Vernunft genau so wie rasenden Irrsinn, ekstatische Träume, Welten reiner Energie und das Aufgeben des beschränkten Ichs. Oft wandelt er den Pfad zwischen Person und Ichlosigkeit, und er kennt die Grenze, die wie eine dünne Haut unsere zivilisatorische Wirklichkeit von den endlosen und unergründlichen Welten jenseits dieser beschränkten Wirklichkeitskonvention trennt.

Er ist wie ein Bote, der oft genug in das andere Land hinübergegangen und dann wieder zurückgekehrt ist. Er ist Dolmetscher zweier Welten. Deshalb kann er den psychisch Leidenden verstehen, der selbst noch davor zurückschreckt, sich ins Dunkel fallenzulassen. Aber er wird ihm auch klarmachen, daß dort seine Chance auf ihn wartet, und daß, wer das Dunkel voll akzeptiert, in diesem Dunkel neues Licht finden wird. Ein Licht, das gegeben und geschenkt wird, so wie uns auch unser Tagesbewußtsein gegeben und geschenkt wurde (nicht aus eigener Kraft hergestellt), und wie uns alles, was wertvoll ist, letztlich ohne unser Verdienst und ohne unsere manipulativen Gelüste gegeben und geschenkt worden ist.

Gerd-Lothar Reschke
13.4.2003

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