Disharmonie und Ausgleich
Was ist denn Krankheit, Disharmonie, Störung? Der, den wir "krank" nennen würden, ist einfach nur ein Ort, an dem sich eine Disharmonie manifestiert. Wenn aber an einer Stelle Disharmonie auftritt, heißt das nicht, daß hier auch die Ursache der Disharmonie anzutreffen wäre. Es kann genau so gut sein — nein: es ist sogar viel wahrscheinlicher —, daß die Disharmonie woanders vorwiegt, aber daß der Betreffende, und zwar weil er empfänglicher ist, als Symptompunkt der Disharmonie fungiert.
Es gäbe hierfür zahlreiche Beispiele. Eines davon sei die Krebserkrankung. Es ist bekannt, daß Krebs nicht nur in den Metastasen existiert, sondern auch im übrigen Körper. Die Metastasen sind nur Symptom. Genau hier zeigt sich dann auch das übliche Denken, das in der Schulmedizin zum Herausschneiden der Metastasen führt. Aber selbst wenn alle Metastasen herausgeschnitten wurden, taucht die Krankheit oft wieder von neuem auf. Der Krebs ist im Körper, im ganzen Menschen präsent — da ist etwas insgesamt aus dem Lot gekommen, und solange das nicht wieder ins Lot gebracht wird, kommt auch die Krankheit wieder.
Einen Menschen, der unter psychischen Konflikten leidet, kann man genau so wenig isoliert betrachten, und kann genau so wenig hier das Problem "herausschneiden", also lokal zu bekämpfen und zu zerstören suchen, wie das mit den Krebsmetastasen möglich ist.
Wenn also Disharmonie zu heilen ist (anstatt nur ihre oberflächliche Manifestation zu beseitigen), dann muß klar sein, daß wir hierbei stets mit dem Ganzen zu tun haben. Und nun passiert eines, und das zu verstehen ist eminent wichtig: Die eigentliche Heilung geschieht bei der Schamanentätigkeit immer durch Bewußtwerdung — dadurch, daß etwas Unbewußtes, das zu dem Konflikt oder Leiden führte, klar wird — daß es neu gesehen und jetzt erst richtig verstanden wird.
Der Hintergrund wird deutlich. Ein Aha-Effekt tritt auf. Und dieses neue Erkennen, das übrigens immer ein Wieder-Erkennen der Wahrheit ist, führt dann zur Harmonisierung. Wenn aber dem einen etwas klar wird, und wenn sich hierbei in ihm etwas löst, dann geschieht das stellvertretend auch für die anderen.
Ein hervorragendes Beispiel hierfür sind kriegerische Konflikte, wie wir sie ja täglich durch die Nachrichten miterleben. Ein kriegerischer Konflikt kann nicht durch den Gegenüber gelöst werden — indem ich unverändert bleibe, aber vom Gegenüber verlange, daß er sich ändert, oder durch rohe Gewalt etc. —, sondern ich muß in mir selbst die Ursache des kriegerischen Impulses auflösen. Ich muß von meiner Seite her innerlich abrüsten. Das ist meine Aufgabe, meine Verantwortung. Das heißt nicht, daß ich dem Gegenüber einfach recht gebe oder ihm das Feld überlasse. Sondern es heißt, daß ich die Wurzel meiner eigenen Aggression, meines Hasses, meiner Verachtung, also den Grund meiner Ablehnung lokalisiere und auflöse, und zwar durch Einsicht, nicht durch willentliche Kontrolle, Unterdrückung oder moralischen Imperativ.
Wenn das geschieht, ist aber meine Beziehung zum Gegenüber auf eine völlig neue Basis gestellt. Und von dem Moment an ist der Konflikt auch zu etwas anderem geworden; er hat sich grundlegend verändert. Genau das sollte aber soeben gezeigt werden: Die Veränderung im Symptompunkt, die durch Bewußtwerdung stattfindet, bewirkt auch eine Veränderung im gesamten Ereignisfeld. Sie betrifft auch die anderen mit; sie betrifft alle und jeden mit.
Gerd-Lothar Reschke
5.11.2003
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