Schamane wird nie etwas sein, das sich — wie es ein in Deutschland so beliebtes, an amtlichen und behördlichen Genehmigungen fixiertes und stur obrigkeitsgläubiges Denken immer wieder haben möchte — zertifizieren ließe. Denn da gibt es schlichtweg nichts zu zertifizieren. Die Schamaneneigenschaft hat nicht das geringste mit derartigen rationalen Kategorien zu tun.
Selbstverständlich verunsichert diese Tatsache all jene, die glauben, man müsse sie vor Scharlatanen schützen (es sind dieselben, die die — ihnen selbst unbewußte — Neigung verspüren, sich Scharlatane zu suchen), und die daher verläßliche Orientierungspunkte und Richtlinien fordern. Sie grenzen das Nichtrationale aus ihrem Leben aus, und so begegnet es ihnen fortwährend als Angst, Mißtrauen, sogar Haß — denn eigene Gefühle lassen sich nicht loswerden, sondern kommen immer wieder, und wenn es nicht anders geht, dann in Form von Projektionen.
Wie aber wird einer zum Schamanen? Vielleicht durch Schulung, aber auch dann muß er die geeignete Disposition bereits mitbringen. Echte Schulung ist aber in unserer Kultur äußerst selten geworden (man findet sie eher in den Überbleibseln von nichtwestlichen Kulturen wie z.B. in Hawai, in Tibet, in Überresten der Indianerkulturen oder bei anderen Eingeborenenvölkern). Die eigentliche Initiation geschieht jedoch ohnehin nicht durch "amtliche Ernennung" eines Lehrers, sondern durch das, was "Visionssuche" und "Schamanenkrankheit" genannt wird.
Was hat es damit auf sich? Der Schamane ist ein überdurchschnittlich sensibler Menschentyp, der von Natur aus darauf angelegt ist, sich mit der
Nachtseite des Daseins auseinanderzusetzen — das wurde in den anderen Beiträgen bereits näher erörtert. Diese Disposition führt dazu, daß ihm vom Schicksal bestimmte Aufgaben und Prüfungen auferlegt werden. Man könnte auch sagen: Er zieht so etwas wie Schicksalsschläge auf sich, die ihm dann scheinbar zufällig zustoßen. Das kann bei jedem völlig verschieden ablaufen; so mag der eine erleben, daß in seinem direkten menschlichen Umfeld jähe Todesfälle passieren, oder schwere Unfälle, oder daß das übliche Familienleben, wie sogenannte "normale" Menschen es durchleben, bei ihm auseinanderreißt.
Oft sind es auch direkte Krankheiten, die ihn treffen — meistens Krankheiten mit scheinbar unerklärlicher Ursache. Es kann sich um seltene Nervenkrankheiten handeln, bei denen Ärzte dann vergeblich nach irgendwelchen Auslösern "im Gehirn" suchen. Oder der Betreffende gerät in diverse Psychotherapien, wird aber dadurch nicht gesund. Ein typischer Fall ist die Depression. Es gibt Schamanen, die erst selbst voll durch das ganze Elend des Krankheitsbilds Depression hindurchmüssen, bevor sie dann anderen dabei helfen können, diese Krankheit zu überstehen.
Es ist wahrscheinlich so, daß der Schamane alles erst selbst, am eigenen Leib, erleben muß, bevor er heilend und harmonisierend tätig werden kann. Dies ist dann aber keineswegs eine Berufswahl wie in anderen Berufen, bei denen man sich einfach nach Geschmack und Interesse etwas aussucht, das zu einem paßt, sondern es ist ein schicksalhafter Sog hinein in die Dunkelheit, die Schwärze, die Aussichtslosigkeit der Nachtseite des Lebens, den er unentrinnbar erfährt.
Psychische Not, die das eigene Leben erst einmal als völlig sinnlos und unausgefüllt erfährt, kann auch dazu führen, daß sich ein Mensch mit Schamanen-Disposition auf eine sogenannte Visionssuche macht. In Kulturen, die den Schamanen als wichtigen Bestandteil ihrer inneren Harmonie akzeptierten, gab es hierzu geführte und von den Führern wohlverstandene Anleitungen. Man schickte den Suchenden in die Einsamkeit der Natur hinaus, wo er so lange warten, beten, fasten und sich bereit machen mußte, bis ihn eine Antwort traf, die seine Suche zu einem klaren Ziel brachte.
Wo dieses kulturelle Umfeld fehlt, nimmt die Visionssuche dann oft unbewußte Formen an, die aber genau so intensiv verlaufen. Manche bringen sich an den Rand des Todes, manche verwirren sich in unterschiedlichsten Einflüssen und Erfahrungen, verlieren sich dort scheinbar völlig, ohne zu wissen weshalb — nur um dann wie aus einer jenseitigen Quelle eine Antwort zu finden, die ihnen klarmacht, wozu sie das alles auf sich genommen haben.
Von diesem Moment an hat sich in ihnen eine Gewißheit kristallisiert, die unverlierbar erscheint. Auf einmal wissen sie, was sie zu tun haben. Die üblichen intellektuellen Zweifel und Selbstzweifel der gewöhnlichen Menschen sind ihnen nun fremd, denn sie haben in sich selbst den Ursprung zu einem direkten, nichtrationalen Wissen gefunden, auf das sie von jetzt an zurückgreifen können.
Um es noch einmal deutlicher auf den Punkt zu bringen: Die Schamanenkrankheit bedeutet zuerst einmal Ablösung vom Verstand, von dieser rationalen Konditionierungsmaschinerie, die bei den meisten Menschen Fühlen, Handeln und Sein dominiert und kontrolliert. Sie bedeutet weiter Ablösung vom Körper: Die Verhaftung an Werten wie Bequemlichkeit, Komfort, Gemütlichkeit und Genuß muß ebenfalls durchschritten und hinter sich gelassen werden. Zuletzt bedeutet sie aber auch Ablösung vom begrenzten Ich selbst, also von der bei anderen bis zum Tod immer starrer werdenden Vorstellung, eine separate, vom Ganzen des Seins getrennte Person und Persönlichkeit zu sein.
Alle diese Phasen sind wie Sterben: Es findet auf jeder der genannten Stufen ein symbolischer Tod statt, der die Verhaftung an der betreffenden Vorstellungsebene aufbricht. Der Schamane muß durch diese Tode hindurch, schon bevor er, z.B. als alter Mensch, stirbt; er stirbt (auf vielerlei Ebenen) und lebt dann weiter.
Aber auch dann, wenn er diese Transformationen oder Metamorphosen hinter sich hat, ist der Schamane bei weitem kein Übermensch, und genau so wenig ein besonders starker oder erfolgreicher Mensch. Was er ist, läßt sich in Kategorien des üblichen Lebens nicht mehr fassen, und man muß sich auch über die grundsätzliche Tatsache im klaren sein, daß das, was er ist (und wie er sich fühlt, wie er denkt, wie er handelt), nicht mehr von den anderen Mitmenschen verstanden oder innerlich nachvollzogen werden kann.
Er wird äußerlich nicht stärker, erfolgreicher, attraktiver, imposanter oder nach herkömmlichen Kategorien beeindruckender sein, weil er immer Schnittpunkt der gerade in seinem Wirkungsbereich geltenden Einflüsse und Energien sein wird. Daher wird es immer wieder vorkommen, daß er an dem, woran seine Umgebung krankt, selbst erkrankt — denn er wird nicht umhinkommen, alles mitzufühlen, was dort vorherrscht. Alle diese Wirkungen (die anderen völlig unsichtbar und unnennbar sind) gehen mitten durch ihn hindurch, so daß er sie fühlt, als sei er selbst es. Er erlebt das wie mit einem besonders feinen Radar selbst mit. Er fängt es auf.
Zu seiner Aufgabe gehört es aber zugleich, das Aufgefangene zu verarbeiten. Das bedeutet: Er muß es sich bewußt machen. Nur wenn er es sich bewußt macht, kann er damit in harmonisierende Interaktion treten. Was aber keineswegs heißt, es rational formulieren zu können oder zu müssen; entscheidend ist vielmehr, ob er es umwandeln kann zu neuem Geschehen und Sein.
Ich drücke mich hier diffus aus, weil darüber nichts Konkretes mehr ausgesagt werden kann. Jeder Schamane ist hier anders. Jeder wandelt die auf ihn einwirkenden Einflüsse auf seine eigene Weise um — und zwar geschieht dies von selbst, indem seine Natur spontan auf das eingeht und antwortet, was sich manifestiert. Sein Sein wirkt also wie eine Lupe, wie ein Fokussier-Organ, wie ein Kanal der Umformung und Verdeutlichung.
Solche Menschen können dann auch schwach wirken — nach herkömmlichen Maßstäben schwach, aber sie sind nicht wirklich schwach, sondern zeigen eine andere Art von Stärke, eine innere Stärke, die auch Mut zur Schwäche, Mut zur Betroffenheit und Aufgewühltheit beeinhaltet. Letztendlich arbeiten sie wie Katalysatoren, die Situationen auf eine Weise beeinflussen, die sich jeglicher Verstandesinterpretation entzieht. Aber die Wirkung ist stets heilend, weil die tiefe innere Verbindung mit der Einheit auch im Äußeren letztlich nichts anderes bewirken kann als Wieder-Verbindung mit der Einheit, mit dem Ganzen unseres Daseins.
Es gibt keinen Schamanen, der nicht Botschafter und Beauftragter der Ganzheit wäre.
Gerd-Lothar Reschke
30.11.2003
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