Krise und Übergang
Was ist eine Krise? Zumeist ein höchst unerwünschter Zustand. Vor allem psychischen Krisen haftet der Makel des Versagens und der Unzulänglichkeit an. Bestandteil dieser Erfahrung ist also auch ein starker Drang, aus der unangenehmen Lage möglich schnell wieder herauszukommen.
Meine Beobachtung hat sich diesbezüglich im Laufe der Jahrzehnte erheblich verschoben und mir ist — nicht zuletzt durch Eigenerfahrung und Eigenbeobachtung — allmählich klargeworden, daß psychische Krisen Ausdruck des zumeist völlig unbewußten Versuchs sind, eine neue Form von Balance zu finden. Das gesamte biologische und psychische System entwickelt einen Schub, der aus einer statischen Ausgangsituation von Gewohnheit hinein in die Krise (als deren Eskalation) führt, wo dieselbe Lage dann extrem problematisch wird. Und dahinter steht ein Streben hin zu einer neuen, noch nicht erfahrenen Lösung.
Genau das wird aber vom bewußten Denken des Menschen als lästig eingestuft. Der Verstand möchte gerne den altgewohnten Zustand dauerhaft konservieren. Eine andere Kraft aber, die machtvoll von innen her schiebt, drängt und arbeitet, versucht diese Blockade aufzusprengen. Und weil hierzu starke Energien nötig sind, wird das Ganze dann auch so schmerzhaft und leidvoll. (Nicht zufällig mag einem hier das Bild der Schwangerschaft und Geburt in den Sinn kommen.)
Die Krise ist also der Vorbote des Übergangs. Aber der Übergang findet nicht so einfach statt. Wir hätten es vielleicht gerne angenehm und beglückend, aber so ist das Leben nicht. Man muß sich in diesem Zusammenhang einmal folgenden Sachverhalt klarmachen: Selbst positivste Veränderungen werden, auch wenn sie lange gehegten Wünschen entsprechen, im akuten Erleben als innere Zerreißprobe empfunden und vom Verstand oft mit heftigem inneren Gezeter begleitet — wie jeder weiß, der schon einmal eine aufrüttelnde Liebeserfahrung gemacht hat.
Schamanen sind Experten für Übergänge. Sie können solche Übergänge begleiten, weil sie um den hintergründigen Sinn der Krise wissen. Sie lehnen Krisen nicht ab — wie es Normalbürger meistens tun. Sie kooperieren mit den Kräften im Menschen, die diese Krisen (auf ihre Art sehr absichtlich und zielvoll) angestrebt haben. Vordergründig mag das alles nur destruktiv und negativ erscheinen. Aber was es wirklich bedeutet, kann nur aus dem Gesamtzusammenhang heraus begriffen werden — und erst dann ist es möglich, mit den mobilisierten Kräften zu kooperieren, anstatt gegen ihr Wirken anzukämpfen.
Im Ablehnen, Ableugnen und Niederhalten von Krisen sind viele Menschen geradezu Meister. Sie leben immer nah am Rande der Katastrophe, des Zusammenbruchs, des Eklats von Gewalt, Leidenschaft, Haß, Eifersucht oder Selbstzerstörung. Das Bild, das sie von sich selbst bekommen, ist dann extrem verfälscht — sie halten sich selbst für Unmenschen, für Versager, für Ausgeburten des Bösen und Schlechten. Sie sehen nicht, was es wirklich ist: Lebensenergie, die sich in den richtigen Bahnen zu entfalten sucht.
Der Übergang ist keine Idee und kein Projekt. (Ich kritisiere vehement die üblichen Lebensratgeber, die authentischen Schicksalen — und sogar im Leid und Elend sind solche Schicksale immer noch auf ihre Art authentisch — irgendwelche Erfolgsrezepte und Patentregeln der "richtigen Lebenskunst" aufzupfropfen versuchen: mal ist es irgendeine fernöstliche Methode, mal irgendein flottes, selbstmanipulatives westliches Fitneßtraining der Psyche, mal irgendeine fieberhafte Selbstbeschäftigung in Karriere oder in Selbsterfahrungsgruppen. Alleingelassen, wieder zuhause im eigenen Kämmerlein, bricht dann nach all der geschäftigen Ablenkung und Begeisterung schnell die alte Verzweiflung hervor.) Sondern: Im Übergang will nichts anderes zum Ausdruck kommen als das, was in jedem einzelnen bereits angelegt ist.
Und nur in ihm, und nur auf seine eigene Art — es gibt im ganzen Universum keine Kopie, keine zweite Masche, keine anwendbare Pauschalregel, sondern es gibt nur seine Lösung, die genau dem entspricht, was er ist und wie er ist!
Niemand anderer kann ihm das abnehmen; niemand anderer kann sein Leben leben, seine Probleme klären und seine Antworten finden — nur er.
Die Krise ist also die unbewußte Suche nach der ganz eigenen Antwort. Und die Antwort ist in dieser Krise bereits verdeckt enthalten.
Wird nicht gegen die Krise angekämpft, und werden nicht die üblichen Vertuschungsmanöver betrieben, dann kann der tieferen Kraft, die hier am Werk ist, zum richtigen Ausdruck verholfen werden, ohne daß mehr Porzellan zerschlagen wird als nötig. Es ist gut, jemand zu kennen, der das auch schon durchlitten und letztendlich fruchtbringend durchgestanden hat.
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