Was ist ein Schamane?



Ein Schamane ist kein üblicher sozialer oder medizinischer Helfer, kein Psychotherapeut und kein "Erfolgscoach" — dies sind alles Vorstellungen aus unserem rationalistischen Weltbild, das in einem erheblichen Maß für die Verwirrungen verantwortlich ist, denen viele Menschen unterliegen.

Ungefähr 1990 habe ich einen Text über den modernen Schamanen verfaßt, den ich 1996 ins Internet stellte und der sich seitdem eines zunehmenden Bekanntheitsgrades in einschlägigen Interessentenkreisen erfreut. Er wurde auf etlichen Servern gespiegelt, in zahlreichen Foren erörtert und allgemein als hilfreich und wegweisend empfunden. Dieser Beitrag basiert auf jahrzehntelangen eigenen Erfahrungen und einer gründlichen Erforschung des Themas. In ihm wird klargestellt, daß ein Schamane nicht das ist (und nicht das zu sein braucht), was unter dem Klischee des trommelnden Medizinmannes, der kräuterbrauenden Hexe, des weissagenden Kartenlegers oder Astrologen, oder sonstigen Modetrends der inzwischen wieder abgeklungenen New-Age- oder Esoterikwelle gemeinhin verstanden wird. Der Schamane muß nichts Bestimmtes sein: Er braucht sich an keine vorgefertigte äußerliche Rolle zu halten. Er kann in jeder Rolle auftauchen: Als Marketingspezialist, Filmregisseur, Maler, Tänzer, Programmierer oder Clown (weniger wahrscheinlich als Politiker, Kirchenfunktionär oder dünkelhafter Karrieremensch).

Ein Schamane ist nicht, als was er der Vernunft erscheint, weil sein tieferes Sein auf einer nicht-rationalen Ebene operiert. Er ist pure Wirkung. Und er schließt sich an die wirkenden Faktoren und Strömungen derer an, mit denen er in Kontakt tritt. Durch diesen tieferen Bezug kann er Tendenzen und Impulse in anderen aufnehmen und wiederspiegeln, die diesen nicht zugänglich sind. Er kann sehen — 'dahinter-sehen'.

Verbale Kommunikation kann sinnvoll sein, um das, was unbewußt war, ins Bewußtsein zu holen — aber sie ist nur der kleinere Teil. Die eigentliche Wirkung geschieht auf energetischer Ebene. Hier schließt sich der Schamane, stellvertretend für den anderen, an die Unterströmungen der gesamten Existenz an. Ohne einen harmonischen Einklang mit der gesamten Existenz kann nichts Sinnvolles geschehen und vermittelt werden. Zuerst muß wahrgenommen (gesehen, dahinter-gesehen) werden, dann muß die Wahrheit des Faktischen bewußtgemacht werden. Hierdurch geschieht Harmonisierung: nicht etwa durch ein absichtliches Tun des Schamanen, sondern durch das Sein selbst, das eine tiefere Bedeutung, einen tieferen Wunsch, ein tieferes Streben als das Alltagsbewußtsein transportiert.


Ein Schamane ist also ein Grenzgänger und ein Vermittler zwischen der Welt des Tagesbewußtseins und der Welt der tieferen seelischen Strömungen und Tendenzen. Diese Mittlerfunktion hat nichts mit irgendeinem angelernten Verständnis, mit irgendwelchen Vorstellungen von sich selbst zu tun, sondern sie geschieht unmittelbar durch das spontane, natürliche So-Sein. Dieses So-Sein ist niemals in vorgefertigte mentale Konzepte, Vorstellungen, Ideen oder philosophische Abstraktionen zu pressen, sondern es ist der Ursprung selbst, aus dem jeglicher gedankliche, emotionale oder instinktive menschliche Selbstausdruck als Fassadenerscheinung entsteht.

Die Eigenart und besondere Fähigkeit des Schamanen besteht, um das noch einmal klar herauszustreichen, nicht in einem Handeln, das irgendein isoliertes Ich gegen die Gesamtheit vollzieht — so wie das bei normalen Alltagsmenschen der Fall ist, bei denen sich ein ständiger Kampf und Konflikt abspielt zwischen dem, was ist und dem, wovon sie sich vorstellen, wie es ihrer Ansicht und ihrem Wunschdenken gemäß sein sollte. Sondern der Schamane weiß, daß nicht er als isoliertes Ich bzw. Ego eingreift und verändert, sondern daß es eine viel größere Kraft ist, die alles umfaßt und durchzieht, welche die auftretenden Veränderungen bewirkt und auslöst. Er kämpft nicht gegen die Existenz, sondern fließt mit ihr mit — und nur dadurch vermag er Harmonisierung zu erreichen und Blockierungen und Barrieren aufzulösen.

Um dorthin zu kommen, muß der Schamane weitergehen als alle anderen, muß seine eigene Begrenztheit opfern und sich in die Ganzheit des Seins hinein auflösen, bis er mit ihr eins wird. So daß er zum Vehikel des Ganzen wird, zum Werkzeug einer größeren, übergeordneten Ordnung, als es die der beschränkten kleinen Tagesinteressen und privaten Ansprüche des in seiner Ich-Vorstellung gefangenen Menschen ist.

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