In einer Gesellschaft, deren oberste Orientierungswerte Rationalität, Gefühlsverdrängung ("Cool"-Sein), Auftrumpfen der individuellen Person und Durchsetzung materieller Ansprüche sind, haben Schamanen naturgemäß einen schweren Stand. Umso mehr, als unsere heutige Kultur sämtliche etwa noch bestehenden Überreste alter Weisheitstraditionen des Heilens und des intuitiven natürlichen Ausgleichs weitgehend beseitigt hat. (Daran ändern auch modische Trends nichts, die exotische Versatzstücke aus anderen Zeiten und Zivilisationen oberflächlich zu importieren trachten — dies bestätigt im Grunde nur das hier Gesagte.)
Schamanen sind also Außenseiter und Lückenbüßer für unlösbare Problemfälle. Das hat aber auch mit einem allgemein vorherrschenden Denken zu tun, das alles, was in Richtung Empfindsamkeit und Beeinflußbarkeit geht, als unerwünscht abdrängt und oft sogar verteufelt. Dabei empfindet jeder Angst, Unsicherheit, Haltlosigkeit und das, was dann "Schwäche" genannt wird. Aber es wird als negativ bewertet, weil das allgemeine Ideal in genau die entgegengesetzte Richtung weist: erfolgreich, selbstsicher, energievoll, selbstbestimmend und stark zu sein.
Schamanen wissen, daß derartig oberflächliches Verhalten nicht ihr Feld ist. Das Leben hat ihnen wieder und wieder gezeigt, wie wichtig es ist, sich mit den inneren Dämonen auseinanderzusetzen, anstatt sie auszugrenzen und peinlich zu meiden. Das ist keine Wahl und schon gar kein Hobby oder irgendeine nette Beschäftigung gewesen, sondern es war oft genug mit bitteren Lehren verbunden: daß man dem nun einmal nicht entrinnen konnte, auch wenn andere das anscheinend schafften.
Nun kommen die, die es schafften, früher oder später aber dahin, etwas ziemlich Ähnliches zu bemerken: daß man nicht immer ein Leben der Kontrolle und Selbstkontrolle führen kann, auch wenn einem die moderne Medien- und Konsumindustrie reichhaltige Angebote zur Verfügung zu stellen scheint. Früher oder später tauchen dann Probleme wie Sucht, Angst, Einsamkeitsgefühle, Verzweiflung, innere Leere, Depression oder Verbitterung auf.
Die Frage ist aber: Wie weit wird sich einer wirklich auf seine inneren Impulse und Ahnungen einlassen? Nur ein bißchen, um dann gleich wieder nach außen hin den tollen Typ zu spielen? Vielleicht wird er Ratgeber lesen, sich die entsprechenden guten Ratschläge einprägen und ein bißchen Erfahrung mit Psychologie und Esoterik sammeln. Es ist aber schon interessant, zu sehen, wie die innere Kraft eines Menschen sich nicht durch vordergründige Korrekturmanöver austricksen läßt. Oft greift das Schicksal dann zu schärferer Munition — es gibt Unfälle, plötzliche Krankheiten, jähe Beziehungskrisen. In der Welt der rationalen Kontrolle wird das dann gerne als "Zufall" bezeichnet. Oder man projiziert es nach außen: Der Partner ist schuld (er ist "untreu", "betrügt" einen), oder die Verhältnisse, jedenfalls die anderen.
Ich habe an andere Stelle über die Tages- und die Nachtseite des Lebens geschrieben. Die Zivilisation, und besonders die heutige, moderne, westliche, versucht mittels Vernunft und Informationswissen die "Tagseite" starkzuhalten — es wird überall und immer Kontrolle über sich, die Dinge und oft auch über andere zu gewinnen versucht. Dabei wird nicht gesehen, wer hier Kontrolle auszuüben trachtet: es ist nicht der Mensch selbst, sondern nur ein Teil von ihm, und oft genug nur eine Vorstellung von sich selbst. Und es wird nicht gesehen, daß auch dieser Wunsch nach Kontrolle aus unklaren Quellen entspringt, oft genug aus unbewußten Wünschen und Impulsen. Und nicht selten einfach nur aus Angst, denn Angst steht hinter vielen Sicherheitsbedürfnissen und vielen Ordnungsvorstellungen.
Die Tagseite ist also auch nur ein Bild, um die eine Hälfte des Erlebens zu beschreiben — in Wirklichkeit gibt es nicht einmal diese Tagseite, sondern lauter Unwägbares. Aber wer die Tageseite zu dominieren trachtet, verschiebt den Rest in die Nachtseite. Und damit tötet er einen Großteil von sich selbst ab. Er lebt dann nur noch teilweise, nur noch in einem kleinen Bereich vorhersehbarer Erlebnisse.
Wie kommen wir aber wieder in Kontakt mit dem Ganzen? Eben nur über die Nachtseite, die sich ja oft genug bereits meldet: In unseren Träumen, in plötzlichen Beklemmungen, in merkwürdigen Zuständen von Zweifel und Sorge, in unerklärlichen Unsicherheiten. Oder in Stimmungen, die vage und unerklärlich nach oben drängen, in Gefühlslagen, die stärker sind als alles absichtliche Denken und jeder Selbstbeherrschungsversuch. Oder in Sehnsüchten und Tagträumen, die nach Freiheit und neuem Erleben rufen, aber nicht zu verwirklichen scheinen.
Überall da gilt es nachzuschauen und das Erlebte neu anzunehmen — es am besten sogar willkommen zu heißen: Dieses Aus-der-Bahn-Geraten der Vernunft, diese Anwandlungen von Hilflosigkeit und Kleinheit — all diese Stimmungen, die uns unbehaglich und seltsam erscheinen und die uns so ein mulmiges Gefühl im Bauch, in den Eingeweiden oder im Herzen bereiten.
Ich möchte noch etwas zu den Lebenshelfern sagen. Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Psychologen und Erfolgscoachs einerseits und Schamanen andererseits. Psychologen sind insoweit involviert, wie sie den Behandelten wieder in seinen normalen Alltagsablauf zu integrieren versuchen. "Geheilt" ist einer dann, wenn er wieder so funktioniert wie früher, ohne daß sein Leben nennenswert durcheinandergewirbelt wird. Zum Glück wird oft auch eine positive Veränderung der Lebensumstände willkommen geheißen — ich möchte Psychologen jetzt nicht heruntermachen als Verteidiger des status quo. Aber all das, was hier getan wird, geht nicht an die Substanz des Betroffenen, sondern es handelt sich um "Reparaturmaßnahmen". Eine grundlegende Lebenskrise ist unerwünscht. Wir bewegen uns immer im Bereich der normalen Verhältnisse.
Ähnlich bei den Erfolgscoachs und Karrieretrainern. Der Wunsch, mehr leisten zu können und die persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten zu erweitern, ist unübersehbar. Beide, sowohl Psychologen als auch Trainer, wollen einen gut funktionierenden Menschen. Ich bin sicher, kein Schamane würde so denken — und wenn er so dächte, wäre er eben gewiß keiner. Für den Schamanen zählt stets die Gesamtheit dessen, was einer ist. Und da würde niemals etwas ausgegrenzt oder herabgewertet: auch nicht das Leiden, auch nicht Tod, Einsamkeit, Trauer, Verzweiflung oder tiefe, existentielle Angst. Es wird auch nicht versucht, von dieser Seite des Lebens wegzukommen und sich zur Tagseite hinüberzubewegen. Wie könnte man das auch? Gehört nicht alles das zum Leben notwendig mit dazu?
Heilung und das Zurückfinden zur inneren Harmonie bedeutet nicht Wahl, nicht Entscheidung zugunsten einer Seite auf Kosten einer anderen. Sondern es bedeutet genau das: Finden eines Ausgleichs. In der natürlichen Harmonie sind alle Aspekte des Daseins im gesunden, ungehinderten Ausgleich: sie balancieren sich gegenseitig aus. Tiefe Liebe ohne Angst ist gar nicht möglich; tiefes Erleben ohne Furcht gibt es nicht; Furcht ist die eine Seite, Freude und überschwengliches Glück die andere. Die Tricksereien der Erfolgsstreber leugnen die komplementäre Zusammengehörigkeit beider Aspekte: des Aspekts von Können und Nichtkönnen, von Machen und Zulassen, von Kontrolle und Hingabe.
Der wirkliche Quell von Lebenskraft liegt nicht im individuellen Ich, sondern in der Ganzheit. Nur wer sich an die Ganzheit anschließt und sich mit ihr wiederverbindet ("re-ligio" = wieder verbinden), erfährt die ganze Fülle des Seins.
Gerd-Lothar Reschke
22.4.2003
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