Die Tag- und Nachtseite des Bewußtseins

Will nicht jeder erfolgreich sein, auf andere einen guten Eindruck machen — positiv, optimistisch, gut gelaunt, energisch, willensstark und dergleichen mehr sein? Das Bild vom dynamischen und zugleich locker-entspannten Erfolgsmenschen wird uns von allen Seiten tief eingeprägt.

Jedoch gibt es diese eine Seite, die ich "Tagseite" nennen möchte, eben nur als Außenseite, als Fassade. Das Bewußtsein des Menschen kann, auch wenn er sich noch so große Mühe dazu geben mag, nicht aufgeteilt werden. Auch Schauspielerei, Verdrängung oder die vermeintlichen Lösungen eines selbst aufgezwungenen "Positivdenkens" vermögen hieran nichts zu ändern. Denn der Mensch ist immer alles: er vereint in sich alle Gegensätze — Spannung wie Entspannung, Heiterkeit wie Trauer, Freundlichkeit und Verachtung.

Die Gesellschaft möchte gerne nur diese Tagseite von uns sehen, und wir geben (oder gaben) uns herzlich viel Mühe, dem gerecht zu werden. Aber dann kamen die Alpträume, die Kopfschmerzen, die Rückenverspannungen, die sexuellen Störungen und all die anderen Komplikationen. Im Urlaub war der Streß nur noch größer. Im privaten Kreis der Familie gibt es noch mehr Ärger, noch mehr Frustration als in unserem öffentlichen Leben als Berufstätiger oder Mitbürger.


Die Nachtseite wird weggeschoben, verleugnet oder sogar verteufelt. Wir projizieren unsere Nachtseite auf andere: In ihnen meinen wir lokalisieren zu können, was es alles an schlechten Eigenschaften, an Dummheit, Haß, Unfreundlichkeit und Intoleranz gibt. Damit haben wir unser Problem scheinbar gelöst — aber wirklich nur scheinbar, denn in Wahrheit häufen sich die Unklarheiten immer mehr an. Wir fühlen uns schlecht, unglücklich, verärgert oder resignativ. Die Freude am Leben ist lange vergessen. Die Privatbeziehungen sind zerrrüttet; Sorgenfalten durchziehen unser Gesicht; Verkrampfungen blockieren unseren Körper. Wir werden hart, bitter, zynisch und legen uns die dazu passende kritisch-ironische Lebensphilosophie zu. Oder wir kämpfen noch und mühen uns hart mit Bewußtseinstrainings, Körperertüchtigung und einer Vielzahl flotter Hobbies.

Damit die Nachtseite nicht doch noch über uns hereinbricht. Am liebsten wollen wir immer bewußt, aufmerksam und wach bleiben: damit uns die Kontrolle nicht abhanden kommt und unser Leben aus der mühsam eingerichteten und raffiniert aufrechterhaltenen Balance kippt.


Der Schamane ist Experte für die Nachtseite. Da, wo die Kontrolle des Verstandes versagt und ihre Machtlosigkeit einräumen muß — da, wo Gefühle und Instinkte stärker sind als unser Denken — da, wo das Tagesbewußtsein sich eingestehen muß, daß es nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit zu erkennen vermag — da, wo unsere Träume uns in andere Welten versetzen, unsere Ahnungen und Sehnsüchte uns scheinbar auf Abwege führen und wo wir nicht mehr wissen, wer wir wirklich sind: da ist er zuhause. Denn er kennt das, was jenseits unseres Tagesbewußtseins passiert, was dort lockt, droht, lauert und in tiefe Abgründe zieht, aus eigenem Erleben. Er kennt das Versagen, die Angst, die Verzweiflung, die Aussichtslosigkeit, die Einsamkeit, den Zweifel, die neuDepression, aber auch die Ekstase der Selbsterkenntnis und das Glück der Selbstfindung.

Nur wer diesen Weg bereits vorausgegangen ist, vermag andere zu führen und anderen zu helfen, mit ihren inneren Dämonen zurechtzukommen.

Denn dort, wo die Dämonen sind, sind auch unsere Möglichkeiten, ist auch unser Potential, warten neue Welten und neue Einsichten auf einen jeden, der sich darauf einläßt. Ein Gefährte ist nötig, um nicht alleine auf Abwege zu geraten und sich im Dickicht der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit zu verirren. Einer, der das selbst bereits durchgemacht hat und weiß, wie man den Sumpf durchquert, ohne steckenzubleiben.

Gerd-Lothar Reschke
13.4.2003

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